W-Seminar Medienkompetenz

Ein Projekt von DR. ARNO SCHERLING (Medienexperte)

Das W-Seminar „Medienkompetenz“ soll Schülern vermitteln, wie Audio- und Videomedien funktionieren, wie man Interviews führt, wie man vor der Kamera präsent ist. Ferner soll Medienkompetenz im Sinne von Medienkritik gefördert werden. Hierbei wird untersucht, wie Medien objektiv bzw. manipulativ eingesetzt werden können.

Eignung: Gymnasium W-Seminar
Dauer: 3 Schulhabjahre
Ergebnisse: Dokumentationsfilme, Dauer 5 bis 10 Minuten
Ausstattung: Videokamera, Stativ, Mikrofon, Aufnahmegeräte, Schnittprogramme (hier Audacity, FinalCut)

A. Vorbereitung

Ausstattung
Es war zunächst eine Mindestausstattung zu beschaffen, die qualitätvolles, semiprofessionelles Arbeiten ermöglicht: Videokamera, Videostativ, Mikrofongalgen, Aufnahmegerät, Kopfhörer, Schnittcomputer, Schnittprogramme Audacity und FinalCut Pro. Die Finanzierung erfolgte hier zum wesentlichen Teil über den Sachaufwandsträger. Ein Vorlauf von ca. einem Jahr von der Antragstellung bis zur Anschaffung ist dabei als normal zu bewerten! Mit der Anschaffung alleine ist es jedoch nicht getan; die anfallende Wartung, Pflege, Reparatur und Ergänzung muss unbedingt bedacht werden.

Begründung Dokumentarfilm:
Da Wissenschaft als Erkenntnissammlung von Eigenschaften und Kausalzusammenhängen definiert wird, kommt in erster Linie der nichtfiktionale Dokumentarfilm als Medium in Frage, um den Ansprüchen der Wissenschaftspropädeutik zu entsprechen.

Aufbau der Unterrichtseinheit:
Ein W-Seminar ist mit zwei Wochenstunden in der Stundentafel vonQ11 und Q12 verankert. Die Unterrichtseinheit zerfällt in drei Phasen: die Lehrende Phase (I) in welcher die Technik des Films vermittelt wird, die Beratende Phase (II) in welcher die Seminararbeiten individuell begleitet werden und schließlich die Bewertende Phase (III) in welcher die Ergebnisse reflektiert und objektiviert werden.

  • Phase I (ca. 20 Doppelstunden) September bis April; Im ersten und zweiten Halbjahr sind mündliche Semesterpunkte zu erheben!
  • Phase II (individuell verschieden, zusätzlich Schnitttutorial 5 Doppelstunden) Mai bis November (Abgabetermin).
  • Phase III (Präsentationstermin und Besprechung der Ergebnisse) Dezember bis Januar.

B. Durchführung

1 Inhalte

Nachfolgend sind die wesentlichen Themen der Unterrichtseinheiten aufgelistet:

  • Mittel der Filmsprache: Wirkung beim Betrachter („Film im Kopf“)
  • Kameraführung: Einstellungsgrößen und Kameraperspektiven (technische Regeln)
  • Dramaturgie
  • Five-Shot
  • Equipment, Übungsaufgaben, Schnitt, Abmischung
  • Journalistische Grundlagen (Recherche, inhaltliche Strukturen)
  • Interviewtechnik (prakt. Übungen)
  • Moderationsübungen
  • Beleuchtung
  • Formate (Doku, Reportage, Feature)
  • Sonderformen: Lipdub (Onetake), Musikvideo, Imagefilm
  • Post-Production: Schnitt- und Montagetechnik vertieft
  • Pre-Production: Storyboard, Drehbuch, Ablaufplan (Übungen)
  • Einstieg/Ausstieg
  • Kriterien des Medienjournalismus
  • Analyse von Filmsequenzen (Medienkritik)

Da für die meisten Inhalte einschlägige Literatur (vide Literatur 2 bis 7) und Videomaterial existiert, soll im Rahmen dieses Skripts nur auf wenige, beispielhafte Unterrichtseinheiten eingegangen werden:

Interviewtechnik (2 Doppelstunden)

Einstieg: „Der Lottogewinn“ von Loriot (Film).
Zunächst wurden Zweiergruppen zusammengestellt, die mit Audio-Aufnahmegeräten gegenseitig Interviews führen sollten. Als Hilfestellung („Was soll ich ihn / sie fragen?“) wurde empfohlen, über die jeweiligen Seminararbeitsthemen zu sprechen. Auf diese Weise kamen idR gute Inhalte zustande. Die Interviews wurden anschließend gemeinsam abgehört und kritisch ausgewertet.

Im zweiten Teil wurden Teams von vier Personen zusammengestellt. Sie  wurden auf die Positionen Interviewer, Kamera, Ton und Interviewter verteilt. Auch hier wurden die Funktionen nach ca. 10 Minuten gewechselt. Die Drehorte wurden dabei geändert, sodass Licht und Kamera jeweils erneut eingestellt werden mussten. Auch hier wurden die Ergebnisse gemeinsam gesichtet und kritisch ausgewertet. Mit dieser Übung wird starker Schwerpunkt auf Medienkompetenz vor Kamera und Mikrofon gelegt.

Formate (Doku, Reportage, Feature)

Anhand geeigneter Filme und Hörbeispiele wurden die Formate Doku, Reportage und Feature gezeigt, erklärt und voneinander abgegrenzt. Sonderformen: Lipdub (Onetake), Musikvideo, Imagefilm. Im zweiten Halbjahr werden diese filmischen Sonderformen durchgenommen und davon eine – nach Wahl – praktisch umgesetzt.

E.g.: Lipdub. Als Lipdub wird eine geplante Kamerafahrt bezeichnet, der ein Lied unterlegt ist. Die vor der Kamera agierenden Personen singen dabei synchron. Die Aufnahme soll ohne Schnitt auskommen, die letzte Sequenz soll von möglichst allen Teilnehmern im O-Ton gesungen werden. I.d.R. wird die Schule als Location gewählt. Diese Art von Musikvideo erfordert akribische Planung für den Durchlauf, kreative Instruktionen für die Teilnehmer und gekonnte Kameraführung. Mit dieserUnterrichtseinheit lernt das Team (also das Seminar), dass Film (auch ohne Schnitt) sorgfältigster Planung bedarf.

2 Themenwahl, Beratung und Schnitt

Die Themenvorschläge wurde den Schülern freigestellt. Erfahrungsgemäß ist die Motivation stärker, wenn der Schüler „sein“ Thema findet. Die Aufgabe des Betreuers besteht dann darin, das Thema einzugrenzen (häufig), auszuweiten (selten) oder in eine ergiebigere Richtung zu führen und die Machbarkeit zu klären. Die Schüler die keine eigenen Themenvorschläge einreichen, erhalten vom Betreuer eine Auswahl. Vor der Arbeitsphase wird ein Exposé eingefordert, um die Seminarteilnehmer zur Formulierung ihres Konzeptes zu zwingen.

Laufende Beratung

Der Beratungsbedarf in der laufenden Arbeitsphase ist individuell sehr verschieden. Das reicht von Verzicht auf Betreuung über Vorweisen eines Rohschnittes bis zum Zeigen einzelner Aufnahmen. Es wird vom Seminarlehrer deutlich gemacht, dass es sich bei der Beratung um ein Angebot handelt. Ein zu starkes Eingreifen durch den Lehrer („ich würde das so machen“) ist an dieser Stelle unbedingt zu vermeiden!

Schnitttechnik vertieft

Im vorliegenden Fall wird mit dem Schnittprogramm FinalCut von Adobe gearbeitet. Es wird demonstriert, wie das Programm aufgebaut ist, wie die Clips importiert werden, wie man die Ausschnitte wählt, die einzelnen Spuren trennt bzw. überlagert. Auch die richtige Verwendung von Blenden und der Titelei wird gezeigt und geübt. Das wird am Anfang des Kurses (Phase I) gezeigt und im darauffolgenden September noch mal vertieft.

3 Evaluation (Reflexion und Bewertung der Seminararbeiten)

Die Bewertung (Benotung) der Seminararbeiten ist unter möglichst objektiven und nachvollziehbaren Kautelen vorzunehmen. Sinnvoll ist dabei Inhalt und Form getrennt zu bewerten. Der Bezug vom Inhalt zum gestellten Thema soll maximal konvergieren. Der Inhalt soll dabei optimal und logisch strukturiert sein. Die transportierte Information soll vollständig und schlüssig aufbereitet sein. Ein kreativer Umgang mit dem bildhaften Umsetzen des Sachverhaltes ist gewünscht, zumal hier das Leitfach des W-Seminars Kunst ist.

Kriterien:

  • Inhalt/Aufbau
  • Erfassen des Themas
  • Strukturierung
  • Schlüssigkeit/Vollständigkeit
  • Kreativität

Als Form wird bei den Ergebnissen die Art und Weise der Darstellung bewertet. Dazu zählt nach Auffassung des Autors zunächst die Dramaturgie der Filmsequenzen. Weiter ist die Kameraführung (hier sinnvoller Wechsel von Einstellungsgrößen), Bild- (Schärfe) und Lichtqualität (Helligkeit, Kontrast, Weißabgleich) zu beurteilen. Auch die Qualität des Tones weist verschiedene Kriterien wie Lautstärke, Störgeräusche, Atmo usw. auf. Schließlich ist der Umgang mit dem Schnittprogramm ein wichtiger Beurteilungsmaßstab; angefangen von Titelei (Vor- bzw. Nachspann) über Einblenden von Musik, Darüberlegen von O-Ton oder Geräuschen bis zur optimalen Koppelung von Bild- und Tonanschlüssen (Synchronizität).

Darstellung:

  • Dramaturgie
  • Kamera/Bild/Licht
  • Ton
  • Schnitt

Präsentation (Kommunikativer Prozess)

Die Präsentation der Ergebnisse findet im Kino auf der Großleinwand statt. Geladen sind dabei die Schulleitung, das Kollegium, die Eltern der Seminarteilnehmer und ggf. die Protagonisten ihrer Filme. In alphabetischer Reihenfolge stellen die Schüler ihre Filme vor. Sie vermitteln dabei ihren Erfahrungsbericht (von Themenfindung über Recherche bis zu Ereignissen und Erfahrungen bei den Dreh- und Montagearbeiten) und eine Einführung zum Thema ihres Filmes. Danach wird der Film abgespielt.

C. Evaluation

„Wissenszuwachs erfahren und ggf. herkömmliche Wissensbestände kritisch in Frage stellen. Dieses Ziel kann bereits durch das Sammeln, Analysieren und Bewerten von Inhalten unterschiedlicher Quellen zu einem bestimmten Thema erfüllt werden.” (1)

„Die auf dieser Ebene zu stellenden Anforderungen orientieren sich an den fundamentalen Fähigkeiten: Reorganisation, Anwenden, Neues schaffen, Reflektieren und Stellungnehmen.” (1)

Diese Anforderungen an wissenschaftspropädeutisches Arbeiten gelten genauso für audiovisuelle Vermittlung von Informationen und Inhalten. Denn Schülerinnen und Schüler lernen auf dieser Ebene, sich kritisch argumentativ mit Ergebnissen auseinanderzusetzen. In der Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus zu den Seminaren in der Jahrgangsstufe 11 und 12 vom 30. Juni 2008 (zuletzt geändert mit KMBek vom 9.7.2010) werden die Ziele des W-Seminars folgendermaßen definiert:

„Das Wissenschaftspropädeutische Seminar bereitet die Schülerinnen und Schüler auf ein Hochschulstudium vor. Innerhalb eines Rahmenthemas werden grundlegende sowie fachspezifische Methoden erlernt und die Themen für die Seminararbeiten der Schülerinnen und Schüler entwickelt. Ziel des Seminars ist die Vermittlung wissenschaftlicher Arbeitsweisen durch die exemplarische Vertiefung gymnasialer Fach- und Methodenkompetenzen, die Erstellung einer Seminararbeit (Umfang ca. 10 bis 15 Textseiten) und die Präsentation der Ergebnisse.“

Aufgrund des erheblich höheren Aufwandes bei der Anfertigung des Dokumentarfilmes wird im vorliegenden Fall nur die Verschriftlichung eines Exposés und eines Erfahrungsberichtes verlangt. Es gilt mit dem W-Seminar Medienkompetenz die Erwartung hinsichtlich einer zielführenden Vorbereitung auf ein Hochschulstudium zu erfüllen. Dies wird hier aber nicht im naturwissenschaftlichen Bereich, sondern im Bereich Medienjournalismus, Film und Fernsehen, etc. liegen.

Quellen:

  1. Handreichung Wissenschaftspropädeutisches Arbeiten im W-Seminar: Grundlagen – Chancen – Herausforderungen: ISB (d. i. Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung) München (Hsg.) o.J. (Download 17.3.2015)
  2. Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse; Paderborn, 2008
  3. Katz, Steven D.: Die richtige Einstellung; Frankfurt/Main, 2010
  4. McKee, Robert: Story; Berlin, 2011
  5. Monaco, James: Film verstehen; Hamburg, 2009
  6. Schepers, Petra und Wetekam Burkhard: Handbuch Medienkunde; Braunschweig, 2012
  7. Streich, Sabine: Videojournalismus, Konstanz 2008
  8. Thiele, Christian: Interviews führen; Konstanz, 2009
Schlagwörter: AudioSonstigesVideo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.