Das Gruselschloss

Ein Projekt von ULRICH HIERDEIS (Medienexperte)

Das Gruselschloss – acoustic storytelling
Eine Geschichte aus Geräuschen: Gemeinsam entwickeln die Kinder der 3. Klasse den Handlungsstrang des Acoustic Storytellings “Im Gruselschloss”. Bereits jetzt wird gemeinsam überlegt, welche Klangwörter und Geräusche sich hinter den notierten Stichpunkten verbergen. Dann wählt sich jedes Kind seinen zu gestaltenden Baustein aus. Mit der i-Pad-App Yellofier nehmen die Kinder ihre Geräusche auf und bearbeiten sie. Zum Abschluss wird ein Dirigent bestimmt, der den “iPad-Orchester-Musikern” den Einsatz innerhalb der Klanggeschichte gibt. Die Aufführung des Orchesters kann beginnen.

Grundschule Täfertingen – Neusäß

28 Mädchen und Jungen einer 3. Jahrgangsstufe

Eignung: Schülerinnen und Schüler aller Schularten ab der Jahrgangsstufe 3; um Schwierigkeitsgrade innerhalb der Reflexion erweiterbar
Dauer: ca. 3 Wochen während des regulären Musikunterrichts (zwei Wochenstunden), zusätzlich Stunden aus dem Fachbereich Deutsch, da die inhaltliche Entwicklung der Geschichte in diesen Fachbereich fällt.
Aufführungsdauer: ca. 5-7 Minuten
Ausstattung: je Schüler ein iPad (hier 28 Stück), jeweils die App Yellofier und PPG lite installiert, Kabel für jedes iPad (Stereo Miniklinke auf Klinke oder Chinch), um es mit dem Mischpult (entsprechende Eingangskanäle nötig) zu verbinden. Schultafel, Kreide, Magneten und Wortkarten für den Geschichtsentwurf.

A. Vorbereitung

Im Rahmen des regulären Musikunterrichts setzten sich die Kinder bereits mit akustischen Merkmalen auseinander und lernten die Parameter der Musik (hell, dunkel, tief, hoch, laut, leise, schnell, langsam) kennen. In einzelnen Musikstunden des Schuljahres befassten sich die Kinder bereits mit Arthur Honeggers “Pacific 231”, in welcher er die Abfahrt, die Reise und die Ankunft einer großen amerikanischen Dampflokomotive musikalisch beschreibt. Ebenso lernten die Kinder im Musikunterricht auch Ausschnitte aus der experimentellen Musik “The Great Learning” des britischen Komponisten Cornelius Cardew kennen. Neben den Notenwerten und rhythmischen Übungen im allgemeinen Musikunterricht, übten die Kinder auch den Umgang mit der App Yellofier, welche der Schweizer Künstler, Musiker und Komponist Boris Blank entwickelt hat. Mit dieser App kann man jegliche Art von Geräuschen mit den im iPad integrierten Mikrophon aufnehmen, den Startpunkt der aufgenommenen Klangereignisse festlegen und in einer Matrix in eine zeitliche Abfolge legen. Die von den Kindern aufgenommenen Geräusche, die sie selbst mit der Stimme herstellten, wurden von ihnen zu Rhythmen zusammengebaut.

Es gelang den Kindern, ihre Geräusche in eine Klangentwicklung zu setzen und die Geräusche in eine zeitliche Abfolge zu bringen. So sollte z. B. das Geräusch “Kinder rennen in einem Gang” realisiert werden. “Das Rennen wird schneller.” Ein Kind lief auf dem Steinboden in der Schulaula zwei bis vier Schritte in Schuhen mit harten Sohlen. Dabei nahm es sich selbst mit Yellofier auf. Anschließend wurden die Startpunkte der einzelnen Schritte festgelegt. Beim Geräuschaufbau in der Matrix legt das Kind die Geräusche dann so, dass die Schritte schneller und langsamer werden.

B. Durchführung

Die Mädchen und Jungen der Klasse entwickeln im Plenum mit der Lehrkraft gemeinsam eine Geschichte. Hierbei werden einzelne Handlungsschritte auf Wortkarten notiert, die im gemeinsamen Entwickeln entsprechend verschoben oder ersetzt werden können. Bereits bei der Entwicklung der Geschichte achten die Kinder mit der Lehrkraft darauf, welche Geräusche sich hinter den einzelnen Wortkarten verstecken. So erarbeitet sich jedes Kind eine Idee von seinem Klangereignis. Nach der Arbeit im Plenum erhält jedes Kind den Auftrag, sein Klangereignis mit Yellofier umzusetzen. Dies geschieht vornehmlich in Einzelarbeit, andere Kinder können jedoch als Unterstützer angefordert werden.

Am Ende der Unterrichtseinheiten erhalten die Kinder Gelegenheit, ihre erarbeiteten Klangereignisse im Plenum vorzustellen. Dort erhalten sie über die Qualität ihres bisherigen Werkes Feedback, Lob und Ideen zur Weiterarbeit. So entsteht im Laufe der Stunden die weitgehend sprachfreie, akustische Geschichte.

Zum Inhalt der Geschichte:
Eine Gruppe junger Fußballer spielt gemeinsam mit einem Ball. Durch einen festen Schuss eines Spielers fliegt der Ball über die Schlossmauer, welche an das Spielfeld grenzt. Die Fußballer müssen folglich zum Schlossbesitzer, um ihren Ball wieder zu bekommen. Sie klopfen ans alte Tor. Das alte Tor öffnet sich knarrend, aber niemand ist zu sehen. Ein kalter Wind bläst durch das geöffnete Tor. Die Kinder entschließen sich hineinzugehen. Das alte Tor schließt sich wie von Geisterhand und fällt knarzend ins Schloss. Plötzlich gehen alle Lichter aus. Durch die große, dunkle Eingangshalle bewegen sich die Fußballer und suchen nach einem Ausgang. Gemeinsam gehen Sie einen Gang entlang, eine Treppe rauf. Ein Kind
stößt an eine Rüstung, die scheppernd umfällt. Die Kinder beginnen zu rennen. Flott geht es die Treppen in das alte Verlies hinunter. Dort hängen klappernde Skelette an der Wand. Sie suchen voller Panik nach einem Fluchtweg. Ein Kind stellt fest, dass eine Mauer leuchtet. Die Stelle entpuppt sich als Geheimgang, der sich mit dem Arm von einem Skelett öffnen lässt.
Als sie den Geheimgang betreten, kommen Ihnen Gespenster entgegen. Die Kinder fürchten sich. Der Geheimgang führt zum alten “stillen Örtchen”. Als sie an der Spülung ziehen, klappt der Boden unter ihnen auf. Alle fallen in die Tiefe, eine Rutschfahrt beginnt. Ähnlich wie bei einer Achterbahnfahrt, rutschen die Kinder durch die Dunkelheit. Immer wieder sehen sie Gefahren, wie z.B. sich drehende Messer, aufblitzen. Schnell weichen sie diesen aus. Abrupt endet die Achterbahnfahrt als plötzlich eine Wand vor ihnen auftaucht. Sie rasen auf sie zu. Als sie in die Mauer krachen, zerfällt diese zu Staub. Sie rauschen durch die Wand und fliegen in hohem Bogen durch die Luft. Gemeinsam landen sie im Brunnen des Innenhofs. Dort stehen ein paar Mädchen mit Geisterkostümen um den Brunnen und erschrecken die aus dem Wasser auftauchenden Kinder. Überglücklich halten die Buben einen goldenen Fußball in den Händen. Diesen fanden sie im Brunnen liegend. Es war der längst verloren geglaubte Schlossschatz. Schnell springen sie aus dem Brunnen und laufen freudig nach Hause.

C. Evaluation

Ein Großprojekt dieser Art ist mit einem gewissen Aufwand und guter Organisation verbunden. Besonders der technische Aufwand, 28 iPads als Orchester am Start zu haben, bedeutete Pionierarbeit. Es gab keine Blaupause, die den technischen Teil erleichtert hätte. Die größte Herausforderung war: Wie kommt der Klang aus 28 iPads gleichzeitig in ein Mischpult?

Meine musikalisch-technischen Vorkenntnisse aus meiner Tätigkeit im professionellen Musikalienhandel und meine Kontakte zu örtlichen Musikalienhändlern erleichterten mir die Umsetzung. So erhielt ich ein zusätzliches Mischpult für die öffentliche Aufführung beim Musikfest der Grund- und Mittelschulen des Landkreises Augsburg 2013 kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch die Konfektionierung der Kabel wurde fachmännisch durchgeführt.

Neben der technische Seite muss ein besonderes Vertrauen in die Kinder und deren selbstständiges Arbeiten gelegt werden. Durch das Zusammenfassen der Ergebnisse, das gegenseitige Vorstellen und Beurteilen der Ergebnisse am Ende der Arbeitseinheiten wird gewährleistet, dass die Kinder konstruktiv an ihren Geräuschen arbeiten. In der Verbalisation des Gehörten und der Beurteilung des Gehörten bauen die Kinder ihre kommunikativen wie musikalischen Kompetenzen aus.

Die Arbeit an den Klangereignissen und die weiterentwickelte Art der Hörgewohnheiten verleitete die Kinder wie die Lehrkraft dazu, auf eine Erklärung der Geschichte bei der Aufführung zu verzichten. Die Resonanzen zu unserem Orchesterbeitrag waren durchwegs positiv, kritische Stimmen merkten jedoch an, dass ihnen die Erfassung des Inhalts durch das Hören alleine nicht ausgereicht hat. Diese Anregung aufnehmend haben die Kinder noch Bilder zu ihren Klangereignissen gemalt, um sie anschließend bei einer schulhausinternen Aufführung herzuzeigen und dadurch zu mehr Inhaltserfassung beizutragen.

Lessons learned – Tipps und Tricks für Nachahmer
Die Kinder entwickelten durch das Herstellen und Umsetzen der Klanggeschichte ihre musikalischen und sprachlichen Fähigkeiten. Mit dem Auftritt als iPad-Orchester im schuleigenen Hoodie auf einer großen Bühne vor 400 Gästen wuchs auch das Selbstbewusstsein der Kinder. Sie wurden durch das Projekt Komponist und Musiker einer Neuen Musik ohne Noten lesen oder schreiben zu können.

Unerwartete technische Schwierigkeiten ergaben sich dadurch, dass z.B. einmal der vordere Teil der kleinen Miniklinke durch das unsachgemäße Einführen des Steckers in die Kopfhörerbuchse abgebrochen wurde. Dies hatte zur Folge, dass plötzlich kein Ton mehr aus dem Lautsprecher des iPads kam. Erst mit einer Pinzette mit einer sehr dünnen und langen Spitze gelang es mir die kleine Steckerspitze aus der Buchse zu fischen.

Hilfreiche Tipps:
Vorab muss die Kabellänge genau überdacht werden. Hierbei lieber nicht an Länge sparen. Es ist sehr schwer, zu kurze Kabel zu “verlängern”. Die Eingangskanäle des Mischpults müssen nicht im Stereoformat vorliegen. Die Kabel können im Fachhandel so konfektioniert werden, dass aus dem Stereosignal ein Monosignal wird. Dadurch benötigt man nur einen Kanal je iPad. Je iPad wird ein Kanalzug auf dem Mischpult benötigt. Aktuelle Ideen für evtl. passende Mischpulte sind derzeit Yamaha MG20 mit 20 Eingangskanälen oder das Behringer Xeny XL 2400 mit 24 Eingangskanälen. Im Bedarfsfall können auch zwei kleinere Mischpulte miteinander verbunden werden. Bewährt hat sich die durchgeführte Aufstellungsprobe im Klassenzimmer und ein Einüben der Verkabelung nach erfolgter Aufstellung des Orchesters. Es wurden vorab Nummern vereinbart, welche jedes Kind wusste. Diese Nummern entsprachen den Kanälen des Mischpults und den Nummern auf den Kabeln, die zu jeweils Dreiergruppen miteinander mit Kabelbindern verbunden waren.

Schlagwörter: Audio

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