Medien und Schule

Das Bild, der Ton und das Netz

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11.05.2020

Unterricht in Zeiten von Corona in der 3. Klasse – Ein Erfahrungsbericht

Tag 31 der Schulschließungen. Ich sitze an meinem Schreibtisch und blicke durch unser großes Giebelfenster hinaus auf den blühenden Kirschbaum in Nachbars Garten und in die Weite des frühlingsblauen Himmels über Reinbek. Es ist 9 Uhr und ich beginne mit dem Anfangsspruch wie wir ihn in der 3. Klasse immer im Morgenkreis sprechen: „Mit ganzer Kraft, so gut ich kann, fang ich mein neues Tagwerk an.“ Ja, so gut ich kann, versuche ich, ein bisschen des normalen Unterrichts in diese merkwürdige Zeit hinüberzuretten. Dann zünde ich die Kerze an, die hier auf meinem Drucker steht, und schlage mit einem Stift das leere Rotweinglas daneben an. Die Klangschale steht noch in der Klasse, dort wo jetzt niemand ist, darum das Glas, dessen Ton aber auch schön nachklingt. Dann im Stehen der Morgenspruch und die Begrüßung. Ich sage tatsächlich „Guten Morgen, liebe 3. Klasse“ und hoffe, dass heute wieder etliche Schüler meinem Aufruf gefolgt sind und ebenfalls unser kleines Morgenritual absolvieren und jetzt das Guten Morgen-Lied und dann noch „Es tönen die Lieder“ singen. Bei manchen klappt das offenbar tatsächlich. Dann sage ich noch, welcher Wochentag und welches Datum heute ist. Das ist besonders hilfreich, weil die Tage doch sehr verschwimmen. Am entsprechenden Wochentag sollen die Schüler dann übrigens auch ihren Zeugnisspruch sprechen.

Danach sind auf dem kurzen Plan, den ich den Eltern geschickt habe, Kopfrechenaufgaben und ein kleines Ratespiel angesagt. Schließlich sollen die Kinder zwanzig Minuten eine der Aufgaben bzw. Themen, die es jede Woche gibt, bearbeiten. Das kann die Arbeit im Rechenarbeitsheft oder im Formenzeichnenheft sein, für das unsere Praktikantin Vorlagen erstellt hat. Es sollen Briefe an die Klassenkameraden und mich geschrieben, Bilder zu einem bestimmten Thema gemalt oder eine Uhr gebastelt werden. Es gibt Lesetexte und individuelle Arbeitsblätter, Spielideen, Schreib- und Beobachtungsaufgaben. Dann sollen die Kinder das Gedicht „Das Häslein“ von Christian Morgenstern auswendiglernen und die Eltern mir dazu eine Audiodatei schicken. Neun Familien ist das bisher gelungen. Dann wäre eine Draußenpause von zehn Minuten gut und dann noch einmal eine halbe Stunde Arbeit, bevor es ein zweites Frühstück gibt.

Von vielen bekomme ich Fotos, auf denen ich sehe, woran sie gerade arbeiten und was sie sonst machen. Da werden Käsepfannkuchen gebacken, Baumhäuser gebaut, Hasen gestrickt, Fische im Teich gezählt und Bäche gestaut. Es wird Inliner gefahren, Geige gespielt und mit dem Diavolo geübt. Die unterschriebenen Einmaleins-Pässe, die ich geschickt bekomme, zeigen mir, wer tüchtig Rechnen geübt hat. Eine Schülerin, so höre ich, wird von ihrem Opa per Videoschaltung mit Einmaleins-Aufgaben abgefragt.

Per Mail und per Telefon bin ich mit den Familien in Kontakt und habe mittlerweile auch mit allen Kindern telefoniert. Die Mailanhänge stelle ich danach noch in die Schulcloud, wo sich mittlerweile schon einiges angesammelt hat. Da ich die Briefe auch immer beantworte, ist mein Schreibtisch jetzt auch zu einer Art Poststation geworden. Der Spaziergang zum Briefkasten gehört ebenfalls zu meinem täglichen Ritual. Zwei Päckchen haben die Kinder bisher per Post bekommen. Eines zu Anfang mit verschiedenen Heften, Lesebüchern und Arbeitsblättern darin und ein zweites mit ihrer Blockflöte und Noten. Denn auch damit sollen sie zehn Minuten am Tag üben.

Und ich übe, mit neuen Techniken umzugehen und einen neuen Familienalltag mit zwei ebenfalls schulpflichtigen Kindern zu bewältigen. Ich lese viel und mache Spaziergänge. Ich genieße das Ausschlafen und die Zeit mit meiner Familie. Ab und zu bin ich in der Schule, wo ich manchmal Kollegen auch wieder in echt begegnen kann. Sie fehlen mir sehr, ebenso wie die Schüler. Noch 17 Tage. Auch dann werde ich die Drittklässler noch nicht wiedersehen. Aber ich bin sicher, wir werden staunen, was die Kinder in der Zeit alles gelernt haben – ganz ohne Schule.

Simone Schellhammer

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