Medien und Schule

Das Bild, der Ton und das Netz

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22.04.2020

Homeschooling zwischen Engagement und Verzweiflung – ein Erfahrungsbericht

Schulschließung – wie gut, dass wir soviele Onlinetools haben, die wir jetzt aus der Schublade ziehen können … dachte ich.
Dann wurde ziemlich klar, dass die netten add ons im Schulalltag an ihre Grenzen kommen, wenn sie den Unterricht ersetzen sollen.
Nachdem einige tools nicht wirklich funktioniert haben oder ich nicht durchgestiegen bin, greife ich auf die sozialen Netzwerke zurück, verschicke Keynoteaufzeichnungen, poste Folien, bespreche sie in Form von Audios, versuche einen Gesprächsaustausch über Padlets anzustoßen und bin anfangs hoch motiviert.

Dann kommen die ersten Kommentare:
Anna: „Hä? Ich verstehe die Präsentation nicht“
Marie: „sorry. Kann nicht teilnehmen. sind alleine. muss Frühstück für meine Geschwister machen.“
Elli schreibt, dass Julia nicht teilnimmt, weil sie kein Internet zu Hause hat. Anastasia auch nicht, weil sie auch keinen PC, aber ein Handy hat, aber das Handy hat einen Wasserschaden.
Lilli: „Versteh gar nix, meine Tochter hat Fieber und weint. Kann mich nicht konzentrieren.“
Kathrin: „worum geht es überhaupt?“
Martin: „kann den QR code nicht lesen“ – „Lade dir den QR Code Reader runter!“ – „Hab keinen Speicher mehr“.
Olga: „Wie – ein Handyvideo von einem Lernangebot für Kinder drehen? Wissen Sie eigentlich, wieviel Arbeitsblätter wir ausfüllen müssen?
Kathrins Mutter fragt privat auf Kathrins Account nach, was ich denn da überhaupt machen würde? – Ja, Mama von Kathrin – ich weiß es inzwischen auch nicht mehr.
Nach anderthalb Stunden, drucke ich Handouts aus, schwing mich aufs Fahrrad und verteile die Unterlagen in der Stadt in den Briefkästen der Schülerinnen, die das Material online nicht bekommen können.
In der Zwischenzeit habe ich von Luisa die Hausaufgabe schon geschickt bekommen, von Julia, Anastasia und Marie habe ich sie auch nach zwei Wochen noch nicht.

Und da ist sie die Schere der Ungleichheit, die wir in der Schule anscheinend sonst ganz gut ausgleichen können, weil sie kaum mehr auffällt.
Jetzt – in der Zeit der Schulschließung – spaltet sich die Klasse in zwei Gruppen: Die Kinder aus Familien mit technisch guter Ausstattung, organisierten Zeitstrukturen und guter psychosozialer Unterstützung und dann eben den anderen, die jetzt beim Homeschooling durch das Raster fallen. Weil die Rahmenbedingungen fehlen für die Technik und für das selbstorganisierte Lernen.

Ich schaue mir die Internetseiten und mails mit Tipps für Homeschooling an. Coole Tools für Videokonferenzen, Onlineprojekte, Webinare zu effizientem Lernen … Nein, ich schreie nicht. Ich stelle mich auf die Yogamatte und mache den herabschauenden Hund. Lange.

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